Was liegt daran, wie gesprochen wird? Dividuelles Sprechen in Gerald Raunigs “Ungefüge”

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Ungefüge_Cover“Was liegt daran, wer spricht?” Michel Foucault wollte bereits 1969 kein weiteres Mal das Verschwinden des/der Autor:in konstatieren, tat es dann aber doch wieder. Und etwa so lange dreht sich auch die Diskussion um Autor:innenschaft im Kreise, nicht zuletzt deshalb, weil auch die Kritik den/die Autor:in als Figur ins Zentrum stellt und wenn nur als Leerstelle, die es zu untersuchen gilt.

In einem der aussergewöhnlichsten Bücher der politischen Philosophie der letzten Jahre dreht Gerald Raunig Foucaults Frage um, ohne sie je direkt zu erwähnen. Als Problem erscheint nicht mehr der/die Sprechende, sondern die Sprache selbst. Denn es ist in der Sprache – als Struktur wie als Praxis – in der sich das Subjekt konstituiert. Dieses Subjekt ist heute dividuell, endlos teil- und wieder zusammensetzbar in der grossen Datenbanken der digitalen Konzerne, algorithmisch konstruiert, reibungslos und umfänglich verfügbar für smarte Strategien der Kontrolle und In-Wert-Setzung. Die hegemoniale Form, in der sich diesse Prozesse vollziehen, ist die Quantifizierung und das Ziel ist Optimierung.

Selbstkonstitution des Subjekts in der Sprache

Was tun? Konservative Technokritiker:innen wie Shoshana Zuboff (“Überwachungskapitalismus”) rufen zur Verteidigung des autonomen Individuums auf. Nichts läge Raunig ferner, denn “die Identifikation und Isolierung als Individuen erweist sich als machistische, koloniale, räuberische Fiktion.” Er fragt sich viel mehr, wie sich das dividuelle Subjekt auch in der Sprache und im Sprechen selbst hervorzubringen vermag, welche Formen der Beziehungen und welche politische Perspektiven sich aus diesem Akt der dividuellen Selbstkonstitution eröffnen lassen. Um es vorweg zu nehmen, es ist eine Politik der “’Sorge in der Mehrzahl’, [fähig] die Vielheit der Sorgebeziehungen ins Zentrum ökonomischer Überlegungen zu stellen und ihnen eine adäquate soziale Organisation hinzuzugesellen.”

Es wäre aber vollkommen verfehlt, das Buch einfach als einen Beitrag zur Care-Debatte zu beschreiben. Sein Augenmerk und Anliegen ist die Entwicklung einer Sprache, in der sich Dividualität, ein Verschränkt-Sein aus dem wechselseitige Sorge entsteht, selbst artikulieren kann. Nichts weniger als eine Sprache der Vielheit wird hier entworfen und auf formal höchst erfinderische Weise gleich auch vollzogen. Diese Sprache, so könnte man sagen, ist konzipiert als eine Art unstrukturierte Datenbank, in die Daten aus den unterschiedlichsten Quellen hineinfliessen und aus der auch wieder Daten herausfliessen, in Kombinationen und Permutationen, die weder zwingend noch zufällig sind, die vor allem auch immer anders sein könnten. Jede Möglichkeit nur eine ‘Abfrage’ entfernt, aber nicht alle Abfragen sind gleich und die Resultate zu lesen und und für eine solidarische Politik furchtbar zu machen, ist eine Herausforderung.

Falten der Geschichte in die Gegenwart

“Mit Benjamin könnte man sagen, dass unsere Beziehung zur Vergangenheit darin besteht, die begrabenen Embryonen der Zukunft auszugraben, um sie in der Gegenwart zum Keimen zu bringen." Die begrabenen, vergessenen aber immer noch vorhandenen Möglichkeiten liegen, zeitlich und örtlich, am äussersten Rande der europäischen Moderne, etwa in der Übersetzerschule von Toledo, in der “die Zusammensetzung der Versammlung einigermassen ausgefallen [war] in ihrer Vielfalt, es waren Gelehrte verschiedenen Glaubens und verschiedener Herkunft beteiligt." Von besonderer Bedeutung ist die Figur von Ibn Rushd (lat. Avarroes 1126-1198), der als Kommentator Aristoteles der europäischen Philosophie entscheidende Impulse verlieh. Er wird entworfen als inventiver Mittler, dessen Leistung in Transfer liegt, der nie direkt sein kann, bei dem um jedes Wort gerungen, es so lange abgeschliffen wird, bis es von jemandem anderen aufgenommen werden kann. Es ist die "Arbeit am zwischensprachlichen Verkehr der Wörter," ausgeführt durch die Orchestrierung der kleinen Stimmen der Übersetzung, des Kommentars oder der Umgestaltung. Sie ist das Gegenmodell zur grossen, singulären Stimme der/des Autor:in. Denn auch diese kleine Stimme ist vielstimmig. Denn “die mozarabische und jüdische Bevölkerung war allgemein mehrsprachig, aber sie übersetzte auch zu mehrt, mehrhändig, mehrsprachig ... als Kooperation eines heterogenen Gefüges." Dividualität ist vielfach und wiederholt teilbar, aber die konkrete Person verschwindet dabei nicht. Ihre Grenzen jedoch werden poröse und Personen, Orte, Zeiten und Sprachen falten sich einander, konstituieren sich entlang überraschenden Berührungslinien neu.

So lässt Raunig Rushd fragen, "wie war es möglich, den dividuell-abstrakten Intellekt in seiner Verbindung mit den vielen konkreten Wissensgefügen zu verstehen, ja als deren Verbindung selbst? ... Was, wenn sogar der materielle Intellekt in seiner empfangend-erkennenden Funktion nicht individuell zu denken wäre, sondern wie der aktive Intellekt als dividuell, als einzig über Raum und Zeit des Individuums hinausgehender Aspekt der Seele, die ansonsten begrenzt und vergänglich war?” Oder ist es Rushd, der Raunig ins Grübeln bringt?

Fernnähe

Dies ist eine der vielen Stellen, an denen die Sprache sowohl reflexiv als auch generativ wird. Hier entsteht im Sprechen (bzw. Schreiben), das worüber gesprochen wird. Das “wie” des Sprechens rückt in der Vordergrund und das “wer” verliert an Dringlichkeit. Aber was hier in der Sprache vollzogen wird ist nicht eine einfache Aneignung oder Neukontexualisierung, sondern es entsteht ein feines Geflecht von Resonanzen, das philosophischen Fragen, die nur im multi-kulturellen Andalusien des 12. Jahrhunderts artikulieren werden konnten, in die Gegenwart rückt und dabei umso überzeugender ist, weil Distanz dazu stellenweise verschwimmt, aber nie verschwindet. “Fernnähe”, ein Begriff den Raunig aus der Auseinandersetzung mit der spätmittelalterlichen Mystikerin Marguerite Porete (1250/1260 – 1310) gewinnt, steht für diese Art der Beziehung aus Intensität und Distanz.

So entsteht gleichzeitig eine historische Studie, abgesichert über detailliert ausgewiesene Sekundärliteratur, als auch eine Imagination im Präsenz.

Übersetzung als Aneignung

Der Akt der Übersetzung ist aber nicht per se einer des Austausches und der Auflösung von Grenzen. Im Gegenteil, in der Figur von Bernhard von Claireveaux (1090-1152), dem bedeutendsten Theoretiker des Kreuzzugs als religiösem Krieg, treten die “Staatsapparate” auf, für die Übersetzung die Möglichkeit der Aneignung und einseitigen Umdeutung darstellt, als Voraussetzung, um die bisherigen Träger:innen dieses Wissens bekämpfen, ja auslöschen zu können. Auch hier entstehende feine Resonanzen zur Gegenwart, Falten und Fugen in denen das Hochmittelalter unmittelbar in die technologisierte Gegenwart hineinragt.

Diese (Un)Gefüge, ein System der Korrespondenzen, Resonanzen, des Biegen und des Anschmiegen, entsteht im Medium der Sprache, im Moment des Schreiben und des Sprechens. Es ist ein prekäres Gefüge, immer wieder in Gefahr, in die identitäre, partriachale Spur, die so tief in die dominante Sprache eingeschrieben ist, abzugleiten. Um das zu vermeiden, ist eine hohe Kunstfertigkeit der Sprache notwendig, der Text als Poesis und Poiesis. Daraus ergeben sich eine Reihe von Spannungen, man könnte auch sagen, Widersprüche, die das ganze Buch durchziehen. Eine Spannung zwischen der Vielstimmigkeit des Textes, sie sich auch in unterschiedlichen Textformen ausdrückt, und der bis in kleinste Detail komponierten Sprache, in der sogar Silbentrennungen und Zeilumbrüche Teil der generativen Maschine werden. Eine Sprache, die die Vielstimmigkeit lebt, und dennoch nur einen sehr engen Kreise an Freund:innen als gleichberechtigte, zeitgenössische Gesprächspartner:innen zu Wort kommen lässt.

Spannungen

Eine Sprache, die trotz ihrer vielen Öffnungen beinahe hermetisch ist. Ein Text poetisch, leichtfüssig und unglaublich voraussetzungsreich zu gleich. Die Schnittmenge der Personen, die sich den hier aufgeführten Positionen der mittelalterlichen und post-strukturalistischen Philosophie zu Hause fühlen, wird überschaubar sein. Bei meiner eigenen Lektüre war die Fremdheit der Referenzen jedoch kein Nachteil. Wer bereit ist, das Buch immer wieder hin zu legen und anderswo, ja auch auf Wikipedia, weiter zu lesen, der wird auf viele produktive Umwege geführt, es entsteht ein “nomadischer Text [als] virtuelle Versammlung, Verspannung, abstrakte Maschine.” Ein Text, der sich streckenweise ekstatisch der Auflösung des Ichs verschreibt, und dennoch der wohl persönlichste des Autors darstellt, er uns etwa als Jugendlicher in Kärnten entgegentritt, den die molekulare Revolution der 1960er Jahre als verspätete Erinnerung gerade noch berührt. Auch eine Form der Fernnähe. Dennoch bleiben die Figuren bruchstückhaft, sie konstituieren sich durch die Sprache der anderen, als Beziehung. Oder, wie R. es ausdrückt: “Als ich den Turban abgeschlungen hatte, betrachtete ich mich in einem Metallspiegel. Was meine Augen sahen, weiß ich nicht, weil kein Geschichtsschreiber meine Züge überliefert hat.”

Schreiben und Sprechen sind existentielle Praktiken und um andere Formen des Existenz und damit der Politik denkbar zu machen, braucht es eine andere Sprache, eine Sprache der unverfügten Dividualität. “Ungefüge” leistet einen höchst kunstvollen, wenn auch nicht unbedingt praktischen Beitrag, diese zu erfinden.

Ungefüge.
Maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution
, Band 2
Gerald Raunig
transversal texts, Februar 2021
ISBN: 978-3-903046-27-6
340 Seiten, broschiert, € 15,00
Open Access ebook
https://transversal.at/books/ungefuege