Die Kultur der Digitalität und die Kulturpolitik

Martin Lätzel: Welchen Stellenwert messen Sie der Digitalisierung in unserem Zeitalter bei?

Felix Stalder: Durch die Digitalisierung ist eine neue Infrastruktur der Wahrnehmung, der Kommunikation und der Koordination entstanden. Weil diese Tätigkeit so grundlegend für fast alle individuellen und kollektiven Tätigkeiten sind, bleibt kaum ein Aspekt unserer Existenz davon unberührt. Das reicht von der Veränderung der Art- und Weise, wie jedeR Einzelne sich selbst erfährt, bis hin zu Fragen, wie wir unsere Demokratie und das Verhältnis zu Natur neu gestalten wollen.

ML: Welchen Kulturbegriff legen Sie Ihren Thesen zugrunde?

Kultur hat für mich eine „soziale Bedeutung“, sie ist ein partieller und fragiler Konsens über Wertefragen. Überall da, wo wir uns entscheiden können und müssen, da kommen kulturelle Fragen auf. Was ist die richtige Ernährungsweise? Welche Eingriffe sollen der pränatalen Medizin erlaubt werden? In Summe stellt und versucht Kultur die Frage zu beantworten: Wie sollen wir leben? Solche Fragen sind immer umstritten, deshalb ist Kultur ein Prozess, der sich in dauernder Veränderung befindet. Das Besondere an Kultur unter den Bedingungen der Digitalität ist, dass sich mehr Menschen, auf mehr Feldern denn je in diese Auseinandersetzungen einmischen. Damit das funktionieren kann, brauchen sie immer komplexere Technologien, die es möglich machen, die enormen Informationsmengen, die dabei entstehen, zu verarbeiten.

ML: Immer öfter hört man den Begriff der „disruptiven“ Entwicklung der Digitalisierung. Ist das aus Ihrer Sicht Alarmismus, oder wie müssen wir diese Disruption verstehen?

Kunstforum International: Kurz Nachgefragt

ROLAND SCHAPPERT: Ihr Buch „Kultur der Digitalität“ von 2016 bietet eine sehr gute Grundlage zum Verständnis der digitalen Transformation in unseren westlichen Gesellschaften und den Auswirkungen auf die künstlerische Produktion und kulturelle Vielfalt. Was hat Sie veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

FELIX STALDER: Ich wollte zeigen, dass wir uns in einer umfassenden kulturellen Transformation befinden, also in einer strukturellen Veränderung, wie Menschen sich in der Welt orientieren und dass wir den Kipppunkt schon überschritten haben. Die neuen kulturellen Muster dominieren heute. Dabei war mit wichtig, zu zeigen, dass diese Veränderungen nicht durch die Technologien ausgelöst wurden, sondern dass die Technologien selbst Teil dieses Wandels sind, den sie wiederum vorantreiben. Seit den 1970er Jahren haben wir es mit sich gegenseitig verstärkenden Prozessen zu tun, die diese Veränderungen unumkehrbar machten. Dennoch, das bedeutet nicht, dass es keine politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Alternativen mehr gibt. Die gibt es sehr wohl, nur müssen sie unter den neuen Bedingungen gedacht werden.

We Are All Bruno! From Unease with Technology to Empathy with Nature


Guerilla Girls, 1989

Monkey Selfie, 2011

It’s no good. The horse has bolted. The tipping point has been reached. The digital condition now shapes our lives. In the early 1960s Marshall McLuhan noted the demise of the ‘Gutenberg Galaxy’, which is to say, that epoch of (Western) culture decisively shaped by the printed word; and there is no mistaking, now, what has taken its place: a new condition – i.e. ‘forms of experience, philosophical viewpoint, and expression’– defined by the ubiquitous presence and inherent potential of networked communications and control. It is thereby incidental whether, or how, one uses these technologies oneself, for they have become part and parcel of everyday infrastructure, in similarity to other networks, such as power and water supply, or transport systems. Were any one of these to suddenly break down, our lives would change in a flash – and not for the better.

Wir alle sind Bruno! Vom Unbehagen mit der Technologie zur Empathie mit der Natur.

Es hilft nichts. Der Zug ist abgefahren, der Kipppunkt überschritten. Die Kultur der Digitalität ist die Form unseres Lebens. Nachdem Marshall McLuhan bereits Anfang der 1960er Jahre das Ende der ‹Gutenberg Galaxis› – also jener kulturellen Epoche (des Westens), die vom Buchdruck massgeblich mitgeprägt war – festgestellt hat, ist heute recht deutlich, was denn an ihre Stelle tritt. Eine Kultur, ‹Formen der Erfahrung, der geistigen Anschauungsweise und des Ausdrucks›, die geprägt ist von der Allgegenwart und den damit einhergehenden Möglichkeiten vernetzter Kommunikation und Steuerung. Dabei spielt es keine entscheidende Rolle ob, oder wie man selbst diese Technologien nützt. Sie sind zur Infrastruktur des täglichen Lebens geworden, ähnlich wie andere Netze: Strom, Wasser oder Strassen. Würde eines davon plötzlich ausfallen, unser Leben würde sich schlagartig verändern. Und nicht zum Guten.

Von Creative Commons zu Creating Commons

Die traditionelle Ordnung der Kultur – mit klaren Positionen für KünstlerIn/AutorIn, Werk und Publikum, vermittelt durch ProduzentInnen, VerlegerInnen, GaleristInnen etc. – ist durch die Digitalisierung endgültig in eine Krise geraten. Wie die neue Ordnung aussehen wird, ist nach wie vor unklar und höchst umstritten. Die erste Runde der Auseinandersetzung wurde auf dem Gebiet des Urheberrechts und damit über die Kontrolle der Zirkulation ausgetragen. In der aktuellen Runde dreht sich alles um zentrale Plattformen und deren Strukturen von Ordnung, Zugang und Wertschöpfung. Als ProduzentInnen der Kultur stehen KünstlerInnen im Zentrum dieser Umbrüche. Während ein Teil beflissen ist – vermeintlich im Eigeninteresse – die Rechteindustrien bei der Durchsetzung strikterer Gesetze zu unterstützen, verstehen sich andere als Ingenieure einer neuen Ordnung und experimentieren mit der Entwicklung eigener Formen von sozialer Produktion und Zirkulation.

Der Geheimdienstler

Kurzer Text zu Assange/Wikileaks anlässlich des Filmstarts in Zürich. Es geht mir hierbei nicht um ein Psychogramm (was ich aus der Distanz gar nicht leisten kann und will), sondern um die Verdienste und Sackgassen von Wikileaks als Form der Journalismus.

Seit August 2012 sitzt Julian Assange als politischer Flüchtling im Asyl in einem 20 Quadratmeter grossen Raum in der ecuadorianischen Botschaft in London, die in einem unscheinbaren Appartement im Stadtteil Knightsbridge untergebracht ist. Dieser Raum dient als Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer, als Konferenzraum für Besucher und als globaler Hauptsitz von Wiki­leaks, dem umstrittensten Medienunternehmen der letzten Dekade. Die Strafuntersuchung gegen Assange in Schweden wurde zwar in der Zwischenzeit eingestellt, die britische ­Regierung erklärte allerdings umgehend, dass sie Assange wegen Verletzung der Kautions­bedingungen gleich verhaften würde, sollte er die Botschaft verlassen.

10.11. Hybernormal Hybrids (Wien)

World-Information Institute in cooperation with springerin and WERK X:

Friday 10.11. 2017, Petersplatz 1, A-1010, Vienna

Lectures, Discussion, Screenings, Performance 18h – 24h

Boundaries between humans and machines are blurring. Complex assemblages from biological agents, communicating objects, technical protocols, and automated decision-making processes become “hypernormal hybrids”. In the mechanical logic of this augmented reality, however, the dimension of the social is not to be grasped. Between super-empowered individuals and the “obsolescence of man” this results in unpredictable turbulences. How to identify the fault lines of these hybrid systems and what options of human action remain?

18:00 – 19:00

Prisoners of Reason: S. M. Amadae

Moderator: Christian Hoeller

19:30 – 21:00

Animal & Machine Intelligence: Stefan Woltran,Susana Monsó

Moderator: Felix Stalder

21:00 – 24:00

Screening/Performance: Napalm Tree, ca.tter & mstep, Boris Kopeinig, Plak, u.a.

Videoinstallation: Painted by Numbers

Hosted by Konrad Becker and Felix Stalder

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Commons Are not the Sharing Economy. A comment to Ossewaarde & Reijers (2017)

This was written in the context of the research project"Creating Commons". And while the paper I'm commenting on is not particularly good, it's symptomatic for a lazy-left critique of the commons and thus warrants the comments.

Ossewaarde, Marinus und Wessel Reijers (2017): „The illusion of the digital commons: ‘False consciousness’ in online alternative economies“, Organization 24/5, S. 609–628. (paywalled)

From the abstract:
“Digital commons such as Wikipedia, open-source software, and hospitality exchanges are frequently seen as forms of resistance to capitalist modes of production and consumption, as elements of alternative economies. In this article, however, we argue that the digital commons cannot by themselves constitute genuine forms of resistance for they are vulnerable to what we call ‘the illusion of the digital commons’, which leads to a form of ‘false consciousness’.”

This is both an interesting and annoying article. It's interesting as it details how „sharing“ can be put into the service of profit-driven centralization. It's annoying because it uses a small number of cases to make sweeping claims that feel more than a little disingenuous.

For example, while Wikipedia and Open Source Software are mentioned in the first line of the abstract, they play no role in the subsequent analysis. That focuses entirely on three “hospitality exchanges”: Airbnb, Couchsurfing and BeWelcome.

brand eins: Interview zu algorithmischer Steuerung der Gesellschaft

Herr Stalder, was bedeutet es, wenn wir immer mehr Entscheidungen an Algorithmen delegieren?

Entscheidungen sind nie singulär. Eigentlich sind es Prozesse, eine (Teil-)Entscheidung führt zur nächsten. In diesen langen Entscheidungsketten können immer mehr, aber nie alle Schritte an Algorithmen delegiert werden, es sind immer auch Menschen involviert.

Sie haben aber recht, wir lassen immer größere Teile solcher Entscheidungsketten von Algorithmen ausführen. Doch das ist teilweise auch notwendig. Denn wir befinden uns immer häufiger in Entscheidungssituationen, die wir ohne Algorithmen gar nicht bewältigen können: Die Datenmengen sind zu groß, die Probleme zu komplex, die Entscheidungszeiträume zu knapp. Das geht vom Hochgeschwindigkeitshandel mit Devisen über die Steuerung intelligenter Energienetze bis zu Architekturentwürfen oder der Vergabe von Krediten; ganz zu schweigen von der fast allgegenwärtigen Vorsortierung des Internets für jeden Einzelnen. Überall, wo wir durch Daten die Welt erfahren und daraus Schlüsse ziehen, kommen vermehrt Algorithmen ins Spiel.

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Wieso ist es wichtig, wer die Arbeitsweise von Algorithmen festlegt?

Algorithmen sind keine objektiven, neutralen Prozesse – sie sind interessengesteuert und intransparent. Es sind standardisierte Verfahren, um von A nach B zu kommen. Man hat einen Daten-Input und weiß, welchen Output man will. Oder man definiert ein Problem und weiß, wie die Lösung aussehen soll. Die Frage ist nur: Wer definiert mit welchen Interessen A und B?

brand eins: Innovation // 2017 || ganzes Interview hier lesen || lokale Kopie, PDF

23.06. TECHNOPOLITICS @ Connecting Space (Hong Kong)

TECHNOPOLITICS sets up a CURATED KNOWLEDGE SPACE that offers a discursive framework for exploring the genesis and current configuration of the information society.

The main visual element of the TECHNOPOLITICS TIMELINE is a large-scale print that traces the evolution of our shared techno-cultural realities. The Timeline’s 500 entries draw attention to different events and genealogies from the fields of art, culture, media, politics, economy, technology, and social life that have been relevant for the shaping of the information society.
The project’s common objective is to investigate from a critical, explorative standpoint the heterogenic historical processes that are structured by techno-economic paradigms. A workshop and discussion program focuses on trans-disciplinary and trans-cultural conversations to connect these processes to the cultural forms of the respective historical moment and place.

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