Ein kurzer Auscchnitt aus meinem Eintrag im Handbuch Philosophie der Digitalität, Stichwort “Kultur der Digitalität”.
“Versucht man, die „Kultur der Digitalität“ als historische Epoche über die letzten 50 Jahre als ganzes zu betrachten, lässt sich … eine deutliche Verschiebung von gemeinschaftlichen, zu referenziellen und aktuell zu algorithmischen Aspekten beobachten.
Zu Beginn – in unabhängigen Medienprojekten der 1970er- und 1980er-Jahre, wie in der frühen Netzkultur – standen gemeinschaftliche Aspekte im Vordergrund und die medialen Projekte wurden entsprechend ausgerichtet. Dies inspirierte große Hoffnungen, dass die „neuen Medien“ einen Schub der Demokratisierung mit sich bringen würden.
In der mittleren Phase, die mit dem dominant Werden der Kultur der Digitalität um und nach der Jahrtausendwende zusammenfiel, standen referenzielle Aspekte im Zentrum. Die einzelne Nutzerin wurde ins Zentrum gestellt und mit mächtigen Werkzeugen für „sharing“ und „content creation“ ausgestattet. Ideen der Demokratisierung wurden abgelöst durch das Versprechen des persönlichen „Empowerment“. Vernetzung und Gemeinschaftlichkeit war nun eine Folge persönlichen Kuratieren des „sozialen Graphen“ unter den Bedingungen der kommerziellen Plattformen, die dazu immer mehr algorithmische Kapazitäten einbauten (Seemann 2021).
Aktuell, mit der rasanten Verbreitung von Anwendungen „künstlicher Intelligenz“, findet eine immer stärkere Betonung des Algorithmischen statt. Die damit verbundenen Chancen – Erweiterung der individuellen und institutionellen Handlungsfähigkeit – und Gefahren – Intransparenz, Machtkonzentration, Bias und Abhängigkeiten – rücken damit ins Zentrum der Diskussion. Waren algorithmische Prozesse zunächst vor allem in der Filterung und Organisation von Kommunikation eingesetzt, übernehmen sie zunehmend Prozesse der Kreation und untergraben damit den fundamentalen Zusammenhang von Kultur und Bedeutung.”
Stalder, Felix. 2026. “Kultur der Digitalität.” In Handbuch Philosophie der Digitalität, edited by Jörg Noller and Karoline Reinhardt. Springer Berlin Heidelberg. S. 1-5. https://doi.org/10.1007/978-3-662-70086-0_26-1 .