Gegen das im oberösterreichischen Kronsdorf im Bau befindliche Datencenter von Google regt sich Widerstand, gebündelt in der Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf . Dieser kommt relativ spät, denn das Projekt ist schon lange in Planung. Aber erst langsam werden die Ausmaße deutlich, die nicht mehr einem konventionellen, sondern einem Hyperscale-Datencenter entsprechen, wie sie speziell für Anwendungen der KI gebaut werden. Das Projekt ist nicht nur vom Platzbedarf her riesig (bis zu 50 ha), es hat auch einen Energiebedarf von bis zu 2 TWh/Jahr, was etwa drei zusätzlichen, großen Gaskraftwerken oder dem Fünffachen aller bisher in Österreich installierten Windenergie entspricht, und einen Wasserbedarf, für den es keine verbindlichen Obergrenzen gibt.
Damit eröffnet sich ein für die Digitalpolitik ungewöhnliches Feld der Auseinandersetzung. Denn anders als bei Fragen der Überwachung, Manipulation oder Monopolisierung, sind hier die Probleme nicht diffus, verteilt und nur kumulativ spürbar. Im Gegenteil, ein Datencenter ist konkret, lokalisiert und unmittelbar sichtbar. Die Wolke materialisiert sich am Boden, wird für alle sichtbar als das, was sie entgegen aller Rhetorik der Immaterialität, wirklich ist: eine gigantische, industrielle Infrastruktur. Damit wird sie für konventionelle Politik vermittel- und greifbar. Wie diese Auseinandersetzung geführt wird, könnte nachhaltige Folgen haben, die weit über ein einzelnes Datencenter hinausgehen, denn sie berührt Grundsatzfragen rund um KI.
Die Befürworter:innen stellen Widerstand gegen den Hyperscaler gerne als Zukunftsverweigerung, als unreflektierte Ablehnung von allem Neuen dar. Sie betonen den Umfang der Investitionen, die Stärkung des Standorts (Ober)österreich, den Beitrag zur “digitalen Souveränität” Europas und den Boost für den lokalen IT‑Sektor, der nun “sein” Datencenter bekomme und damit direkteren Zugang zur Zukunftstechnologie KI.
Hohle Versprechungen
Viele der Versprechungen stellen sich bei genauer Betrachtung als hohl dar. Der Umfang der Investitionen ist zwar in der Tat gigantisch, wohl mehrere Milliarden Euro (genaue Zahlen liegen nicht vor), aber der überwiegende Teil dieses Geldes fließt in importierte NVIDIA‑Chips, die nichts zur lokalen Wertschöpfung beitragen. Und jenseits der Server sind Datencenter wenig mehr als banale Industriehallen mit übergroßen Strom-, Wasser- und Glasfaseranschlüssen. Ein Datencenter ist auch kein Bekenntnis zum Standort. Denn auch wenn die Investitionen riesig sind und infrastrukturellen Charakter haben, ist die Lebensspanne der zentralen Komponente extrem kurz. Durch die starke Beanspruchung brennen die spezialisierten Chips schnell aus und müssen alle 1–3 Jahre ersetzt werden. Das macht es einfach, Datencenter zu verlagern. Sie sind schnell gebaut, können aber auch schnell wieder verschwinden. Alles, was für eine nachhaltige Standortentwicklung notwendig wäre, die lokale Verankerung, die Einbettung in bestehende Systeme, fehlt beim Google‑Projekt weitgehend. Das gibt der ganzen Dynamik etwas von einer kolonialen Landnahme, in der die lokale Bevölkerung weder eingebunden ist noch wirklich profitiert. Die Gewinne werden ausser Land geschleust (Google Europa sitzt in Irland und zahlt kaum Steuern), die (Umwelt)kosten bleiben vor Ort. Zur digitalen Souveränität trägt ein solches Datencenter nichts bei, dafür sorgt der US “Cloud Act”. Hier ist der Name für einmal Programm, ein Akronym für “Clarifying Lawful Overseas Use of Data”. Das Gesetz schreibt fest, dass US‑Firmen den amerikanischen Behörden Zugriff auf Daten gewähren müssen, wo immer die Server auch stehen. Streng genommen sind viele Nutzungen in solchen Datencentern nicht mit der Europäischen Datenschutzgrundverordnung kompatibel, vor allem nicht wenn sie personenbezogene Daten beinhalten. Auch wenn das kein Problem für die lokale IT-Nutzung wäre, so hat die physische Nähe zu einem KI-Datencenter kaum Vorteile, weil für die meisten KI‑Anwendungen die Verzögerung, die durch Datenübertragung entsteht, im Verhältnis zu der Zeit, die die Prozessierung der Anfrage benötigt, unerheblich ist. Und dort, wo sie das nicht ist, etwa in der industriellen Automatisierung, findet die Prozessierung vorwiegend lokal statt. KI-Datencenter werden zum Load-Balancing benutzt, das heißt, Aufgaben werden dorthin geschoben, wo Rechenkapazität vorhanden ist. Anders als etwa bei einer neuen Bahnstrecke, ist von einem KI-Datencenter nicht zu erwarten, dass es der lokalen Wirtschaftsentwicklung einen Schub verleiht.
Echte Belastungen
Die Belastungen sind hingegen sehr konkret und real. Der überhastete Ausbau der Infrastruktur führt zu einer Umkehrung der Energiewende. Viele der Werke werden mit Gasturbinen betrieben. Das geplante Amazon-Datencenter in Pecos County, Texas, wird im Vollausbau zum größten einzelnen CO₂‑Emittenten der USA werden und mehr ausstoßen als jedes Kohlekraftwerk. Auch wenn Kronsdorf ganz mit Wasserkraft betrieben wird, wird diese Energie anderswo fehlen. Neue Wasserkraftwerke lassen sich an den stark verbauten Flüssen (Ober)Österreichs nicht einfach erstellen. Auch die Versiegelung von Böden ist in Zeiten der Dürre und Überflutungen mit hohen Folgekosten verbunden. Das zur Kühlung benötigte Wasser wird dem bereits stark belasteten Kreislauf entzogen, beziehungsweise wird zur Aufheizung der Gewässer über ihre ökologische Tragfähigkeit beitragen. Wir haben diesen Sommer gesehen, dass reihenweise Kraftwerke stillgelegt werden mussten, weil das Flusswasser zur Kühlung fehlte oder bereits zu warm war. Wird Google in einem solchen Fall sein Datencenter auch stilllegen?
Nicht für oder gegen KI
In der Auseinandersetzung um das US-amerikanische Hyperscale-Datencenter geht es nicht um ein simples “für” oder “gegen” KI. Angesichts der Breite der Entwicklung und der Unterschiedlichkeit der Anwendungen macht ein solches Framing keinen Sinn, sondern es dient dazu, die großen Techkonzerne und deren Visionen als alternativlos darzustellen. Das sind sie aber nicht. Die Auseinandersetzung geht um die Ausgestaltung der KI, damit sie für und nicht gegen uns arbeitet.
Dazu müssen wir einige basale Anforderungen festlegen, die eingehalten werden müssen. Erstens: Die neuen Infrastrukturen müssen direkt zur Energiewende beitragen. Nicht durch zukünftige Wunder, sondern hier und jetzt. Dazu müssen sie mit erneuerbaren Energien und Speichersystemen betrieben werden, die zusätzlich bereitgestellt werden. Niemandem ist geholfen, wenn grüner Strom anderswo fehlt. Zusätzlich muss die entstehende Abwärme so genutzt werden, dass fossile Wärmequellen, etwa im Fernwärmenetz, ersetzt werden. Nur dann kann man von einem innovativen Projekt sprechen. Ein transparentes Bewilligungsverfahren und Umweltverträglichkeitsprüfungen sind deshalb unerlässlich. Zweitens müssen sie zur Eigenständigkeit Europas beitragen. Sie dürfen nicht dem US‑Cloud-Act unterstellt sein. Solange kritische Infrastruktur nicht von in Europa regulierten Firmen betrieben wird, entstehen neue, unkontrollierbare Formen der Abhängigkeit und Inkompatibilitäten mit der europäischen Gesetzgebung. Kaum ein europäischer Betrieb kann sie sonst gesetzeskonform nutzen. Abhängigkeiten würden noch weiter reduziert, wenn konsequent auf halbwegs transparente, offene Modelle statt auf geschlossene gesetzt würde. Drittens müssen die ressourcenintensiven KI‑Anwendungen jenen Anwendungen vorbehalten werden, die einen großen gesellschaftlichen Mehrwert generieren. Auch Rechenleistung ist eine endliche Ressource, mit der schonend umgegangen werden muss. KI muss nicht überall sein, und sie darf schon gar nicht die Demokratie untergraben, indem sie die öffentlichen Kommunikationskanäle mit Schrott überflutet und unbrauchbar macht.
Diese Grundanforderungen garantieren noch nicht, dass KI sinnvoll genutzt wird, aber sie begrenzen die Macht der US‑Techkonzerne und eröffnen die Chance, eine andere KI zu entwickeln, die uns hilft die extremen Herausforderungen, vor denen wir stehen, mit den Werkzeugen, die wir wirklich brauchen, anzugehen. Und das wäre nun wirklicher Fortschritt.
Stalder, Felix. “Eine Andere KI Ist Möglich.” Versorgerin - Zeitung Der Stadtwerkstatt (Linz), September 2026. (lokale Kopie )