Agency. Digitalität und Handlungsfähigkeit.

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Felix Stalder

Der englischsprachige Begriff agency hat keine direkte deutschsprachige Entsprechung. Er wird meist mit Handlungsfähigkeit, Handlungsvermögen oder auch Handlungsmacht übersetzt. Gemeint ist damit die Fähigkeit eines Akteurs, innerhalb einer gegeben Situation nicht nur determiniert zu reagieren, sondern mit einer gewissen Offenheit auf sich selbst und andere Einfluss zu nehmen. Warum taucht dieser Begriff nun in einem Band zu Kulturöffentlichkeit und Digitalisierung auf? Wir gehen davon aus, dass durch den zentralen Stellenwert, den komplexe, dynamische Technologien der Kommunikation in der Konstitution von Öffentlichkeit(en) spielen, neue Formen von Handlungsfähigkeit entstehen. Die Digitalisierung verändert also die Akteure und damit die Dynamiken, wie Kultur wahrgenommen und reflektiert wird, tiefgreifend. Um diese besser zu fassen, ist eine Klärung des Begriffs für diesen Kontext sinnvoll.

Individuelles und kollektives Handeln

In der politischen Theorie des klassischen Liberalismus ist Handlungsfähigkeit im rationalen Individuum selbst verankert. Sie basiert auf dessen freien Willen, Fähigkeit zur Selbstreflexion, der Rationalität und Intentionalität des Handelns.[i] In dem meisten anderen theoretischen Perspektiven wird Handlungsfähigkeit jedoch als relationaler Begriff verstanden, insofern als sie in einem direkten Zusammenhang zu den Umständen steht, in denen sich ein Akteur befindet, und es ist dieses Verhältnis, welches das Ausmaß der Handlungsfähigkeit bestimmt.

Die marxistische Theorie verortet Handlungsfähigkeit primär auf der Ebene der Kollektive, geformt durch deren objektive historische Bedingungen. Wie es Marx ausdrückte: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.«[ii] Post-marxistische, psychoanalytische und post-strukturalistische Positionen konzipieren Handlungsfähig ebenfalls gegen die liberale Idee der rationalen Autonomie und sehen diese als Effekt ideologischer (z.B. Althusser), unbewusster (z.B. Freud) oder sprachlicher Prozesse und Dispositive (z.B. Foucault), die zu einem wesentlichen Teil jenseits oder zumindest außerhalb der Kontrolle des Individuums angesiedelt werden. Aktuellere feministische Theorie (z.B. Butler) betont das Spannungsverhältnis zwischen normierenden Dispositiven und subversiv-widerständigen Praxen. Für den größten Teil der modernen Theoriebildung wurde Handlungsfähigkeit menschlichen Subjekten vorbehalten. Erst der Post-Strukturalismus begann sich in den 1980er Jahren für das Potential nicht-menschlicher Akteure zu interessieren.

Zentrale Begriffe der post-strukturalistischen Theorie in der Frage der Handlungsfähigkeit in technologisierten Settings sind »Maschine« bzw. »Assemblage« (Deleuze/Guattari) und »Akteur-Netzwerk« (Latour). Indirekt bezugnehmend auf Marx' »Fragment über Maschinen«, wird die Maschine bei Deleuze/Guattari nicht mehr als Apparat (also als ein klar abgegrenztes Objekt) verstanden, sondern als ein »maschinisches Gefüge«, das »alle Arten von Beziehungen zu sozialen Komponenten und individuellen Subjektivitäten [unterhält].«[iii] Maschine hat hier also eine doppelte Bedeutung als Werkzeug und als gesellschaftliche Praxis, als etwas, das sowohl als heterogenen Einzelteilen besteht, wie auch diese in einem spezifischen, jedoch wandelbaren Zusammenhang bringt. Ein und dasselbe Dinge kann Werkzeug oder Teil einer Maschine sein, je nachdem, in welcher Beziehung es zu Menschen und anderen Dingen steht.[iv] (vgl. Beitrag Mensch-Maschine)

Wichtig ist hier, dass die Maschine (im Sinne von Werkzeug) den Menschen nicht verdrängt oder ersetzt, sondern dass im maschinischen Gefüge, unterschiedlichste Elemente – Subjekte, Objekte, Zeichen, Wünsche etc. – miteinander in Austausch treten, sich gegenseitig definieren und so eine neue handelnde Entität bilden. So entstehen Formen der Handlungsfähigkeit, sowohl als virtuelles Potential wie auch als aktuelles Ereignis, die nicht einfach die Summe aller Einzelpotentiale darstellen. Wichtig für Deleuze/Guattari (und auch für techno-feministische Positionen wie Donna Haraway [v]) ist dabei, dass diese Verbindungen instabil sind, und offen dafür, verändert und angepasst zu werden. Sie beinhalten immer einen Überschuss an Möglichkeiten und inneren Widersprüchen, der in verschiedene Richtungen entwickelt werden kann.[vi]

Bruno Latour wendet diesen äußerst abstrakten Maschinenbegriff ins Empirische, indem er ihn als Netzwerk unterschiedlicher Akteure entwirft und dabei immer wieder betont, dass diese Akteure sowohl »humans« als auch »non-humans« umfassen.[vii] Handlungsfähigkeit entsteht dadurch, dass verschiedene Akteure zu Handlungsketten verkoppelt werden, und dass innerhalb dieser Ketten (oder Netzwerken) jeder Akteur eine bestimmte, mal genauer, mal weniger genau bestimmte Rolle oder Funktion übernimmt. Die verschiedenen Akteure bestimmen ihre Möglichkeiten gegenseitig, indem sie ihren Handlungsspielraum – und damit ihre relationale Identität – so festlegen, dass die Handlungsketten nicht unterbrochen werden, sondern kontinuierlich »Übersetzungen« von einem Akteur zum andern stattfinden.[viii] Es sind auch diese Handlungsketten, bestehend aus konkreten, beobacht- und bennenbaren Akteuren, welche die gesellschaftlichen Strukturen bilden. In diesem Sinne gibt es in Latour's Perspektive keinen Unterschied zwischen Akteur und Struktur. Um Strukturen zu verstehen, muss man den »Akteuren folgen« und sehen, wie diese sich gegenseitig definieren und die Übersetzungen stabilisieren.[ix] Hierbei ist es just die materielle Heterogenität, die für Stabilität sorgen kann.

Eine dritte zentrale Perspektive, um Handlungsfähigkeit in Verhältnis zu technologischen Systemen zu konzipieren, stammt vom US-amerikanischen Soziologen Langdon Winner. In seinem wegweisenden Aufsatz »Do Artifacts have Politics« argumentierte er, dass der politische Charakter von Technologien nicht nur aus ihrer Nutzung erwachse, sondern dass politische Programme bereits in die Technologien selbst eingebaut seinen, um dann in jeder Form der Nutzung ihre Wirkung zu entfalten.[x] Winner erläuterte dies an zwei Beispielen. Die Entwicklung einer Maschine, die fähig ist, Tomaten zu ernten, trägt in sich das Programm der industriellen Rationalisierung und verändert die Balance zwischen Arbeit und Kapital zu Gunsten des letzteren. Dass solche Maschinen auf universitärer Grundlagenforschung beruhen, ist Ausdruck der kapitalistischen Grundstruktur der Gesellschaft, die alle Bereiche prägt. Das zweite Beispiel ist die Konstruktion des Straßensystems in New York durch den Stadtplaner Robert Moses Ende der 1920er Jahre. In dem er die Brücken über einen neuen Highway, die aus der Stadt heraus zu einem neu eröffneten Naherholungsgebiet am Meer (Jones Beach) führt, so niedrig konstruierte, dass Busse auf diesem Highway nicht verkehren konnte, verwehrte er allen, die auf öffentliche Nahverkehrsmittel angewiesen waren, den Zutritt zu dieser Bucht. Die Konstruktion der Brücken trug also zur Segregierung der Gesellschaft bei, unabhängig von den Intentionen jener, die auf der neuen Autobahn fuhren.

Empowerment, Kontrolle und Protokolle

Die aktuelle Debatte über die Veränderung der Handlungsfähigkeit durch Kommunikationstechnologien verläuft entlang dreier Vektoren. Die Perspektive des Empowerment betont die Möglichkeiten einzelner, durch Rückgriff auf komplexe Infrastrukturen ihre Handlungsmächtigkeit enorm zu erweitern. Der Fokus auf Kontrolle wiederum stellt die neuen Möglichkeiten der Betreiber großer Kommunikationsplattformen ins Zentrum der Überlegungen, die gesellschaftliche beziehungsweise gemeinschaftliche Dynamiken in Echtzeit zu beobachten und zu beeinflussen. Eine dritte Perspektive fokussiert auf die Rolle sozio-technischer Protokolle, die Handlungsfähigkeit nicht determinieren, sie jedoch in spezifischer Weise konstituieren und so eine ganz andere Art von Einfluss ausüben. (Vgl. Beitrag Medienöffentlichkeit)
Der Diskurs des Empowerment baut darauf, dass sehr viele Handlungen – etwa das Versenden von Tausenden von Nachrichten, das Publizieren von Film- und Videomaterial, oder die Kooperation in Echtzeit über große Distanzen – die lange Zeit einen beträchtlichen institutionellen Apparat voraussetzten, heute Einzelnen oder kleinen Gruppen zugänglich sind. Der Grund dafür ist die mehr oder weniger kostenlose Verfügbarkeit komplexer und mächtiger Technologien, sei es in Form von Open Source Software oder NutzerInnen-freundlichen kommerziellen Plattformen. Damit hat sich der Kreis derjenigen, die auf diese Infrastrukturen zurückgreifen können und entsprechend über neue Handlungsmacht verfügen, radikal erweitert. Daraus lassen sich sowohl optimistische wie auch pessimistische Schlüsse ziehen. Der in den Nuller-Jahren sehr einflussreiche Berater und Medienanalyst Clay Shirky etwa argumentierte, dass damit ein großes demokratisches Potential verbunden sei, weil es die Handlungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft und einzelner BürgerInnen erweitere. Als Beispiel nannte er etwa die Möglichkeiten von Opfern sexueller Gewalt, sich gegen die katholische Kirche, in deren Institutionen diese Gewalt über Jahrzehnte ausgeübt, aber nie verfolgt wurde, zu organisieren. Dank neuer Technologien konnten sich die Opfer untereinander vernetzen und bestärken. Gleichzeitig verfügten sie über Publikationskanäle, die von der Kirche nicht beeinflussbar waren und auch nicht dem raschen Themenwechsel der kommerziellen Nachrichtenmedien unterlagen. Daraus leitete Shirky ab, dass es nun möglich sei, Interessen zu organisieren, die bisher nicht organisierbar waren, weil die Kosten unter analogen Bedingungen zu hoch gewesen wären: »We are used to a world where little things happen for love and big things happen for money. Love motivates people to bake a cake and money motivates people to make an encyclopedia. Now, though, we can do big things for love.«[xi] Mit anderen Worten, Menschen können nun dank der Reduktion der Koordinationskosten Dinge tun, für die es weder einen Markt noch öffentliche Gelder, aber ein soziales Interesse gibt.

Sicherheitsbehörden zogen aus grundsätzlich ähnlichen Überlegungen gegenteilige Schlüsse. Sie sahen, dass all diese infrastrukturellen Kapazitäten nun auch TerroristInnen oder anderen »feindlichen Akteuren« zu Verfügung stehen würden, die damit, ohne selbst eine große Organisation aufzubauen, Schaden in einem Ausmaß anrichten konnten, wie es vorher nur Militärs und Geheimdiensten möglich war. Sie sprachen von »super-empowered individuals«, deren Macht nicht nur auf ihrer größeren Handlungsfähigkeit beruhe, sondern auch auf ihrem Verständnis, dass sich in komplexen Systemen Punkte befinden, an denen schon kleinere Störungen größere Kaskaden von Störungen auslösen und damit ihre Macht noch verstärken könnten. In dieser Vision des Empowerments steht also nicht die Möglichkeit einer demokratischen Gegenmacht, sondern der Verlust der Kontrolle durch die Vervielfältigung der Akteure im Zentrum.

Während also der Diskurs rund um das emanzipative Empowerment die Nutzerperspektive einnimmt und auf das »front-end«, die öffentlich zugänglichen Teile der neuen Infrastrukturen fokussiert, so konzentriert sich der Kontrolldiskurs auf die nicht-öffentlich zugänglichen Seiten der Infrastrukturen, das sogenannte »back-end«.[xii] Nimmt man das back-end der Plattformen in den Blick, dann fallen vor allem die enormen Machtdifferentiale zwischen denen, die Zugang zu diesen tieferen technologischen Ebenen haben, und jenen, die das nicht haben, ins Auge. Diese neuen Machtkonzentrationen beruhen auf zwei Fähigkeiten, welche die BesitzerInnen der Infrastruktur sich erschaffen haben. Zum einen ist da die Verfügung über die durch die Nutzung der Infrastruktur entstandenen Daten. Jede Aktion, die ein Computer ausführt, kann grundsätzlich aufgezeichnet werden. Viele Aktionen müssen auch aufgezeichnet werden, damit ein Computer funktionieren kann. Gleichzeitig werden Optionen in Programme eingebaut, die weitere Daten aufzeichnen und diese nicht den NutzerInnen, sondern den BetreiberInnen der Infrastruktur zu Verfügung stellen. Das reicht von einfachen Apps für Mobiltelefone – etwa Taschenlampen –, die sehr viel mehr Daten sammeln, als sie für ihre eigentliche Funktion benötigen, bis hin zu ganzen Plattformen wie Facebook oder Google, die darauf ausgelegt sind, möglichst detaillierte und konsistente Profile über alle NutzerInnen anzulegen. Daraus entsteht ein Bild der Gesellschaft in hoher Auflösung in Echtzeit. Dieses Wissen ist für kommerzielle wie auch für sicherheitspolitische Akteure von großem Interesse.

Aber Wissen alleinegeneriert noch keine Handlungsfähigkeit. Diese entsteht hier dadurch, dass die gleichen Akteure auch über die Möglichkeiten verfügen, die Infrastruktur laufend anzupassen. Das reicht von Drohnen, die automatisch Metadaten auswerten und daraufhin ihre Ziele angreifen, bis zu Anpassungen des Interfaces, so dass gewissen Handlungen wahrscheinlicher werden als andere. Besonders am »weichen« Ende des Handlungsspektrums sind die Manipulations- und Kontrollmöglichkeiten für den einzelnen Nutzer kaum wahrnehmbar.[xiii] Gilles Deleuze führte bereits Anfang der 1990er Jahre in seinem Text über die Kontrollgesellschaft das Bild einer Türe ein, die programmiert werden kann, um sich unter gewissen Umständen zu öffnen oder verschlossen zu bleiben.[xiv] Besonders in Hinblick auf dynamische Infrastrukturen lässt sich aus der Perspektive der NutzerInnen meist nicht feststellen, warum eine Option besteht oder nicht besteht. Oft lässt sich auch nicht feststellen, welche Optionen fehlen. Darunter liegt die kybernetische Annahme, dass, um die Handlungen eines Akteurs (Mensch oder Maschine) zu beeinflussen, es am zielführendsten ist, die Umgebung zu manipulieren, in der sich der Akteur befindet. In den letzten Jahren wurde dieser Ansatz unter dem Begriff des »Nudging« neu aufgelegt und einer der wichtigsten Vertreter, Richard H. Thaler, wurde 2017 mit den »Nobelpreis« für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.[xv]

Macht der Protokolle

Die dritte Perspektive zur neuen Formen der Handlungsmacht zielt auf eine noch tiefere Ebene, jene der Protokolle. Protokolle und Standards sind Regeln, die festlegen, wie unabhängige Akteure interagieren können, ohne in eine hierarchische Beziehung zu einander einzutreten.[xvi] Diese Regeln können durch ausdrückliche oder implizite Normen, technische Spezifikationen, Verträge oder andere Formen der Kodifizierung ausgedrückt werden. Das Internet ist am besten als eine Struktur von mehrschichtigen Protokollen zu verstehen, mit einer Hardware- Steuerung ganz unten und Endnutzer-Services wie Facebook ganz oben. Protokolle definieren nicht den Inhalt der Interaktion. Sie geben keine Befehle, sondern definieren deren Form. Sie sind eine Art »konstituierende Macht«, allerdings in einer ganz anderen Weise als bei Toni Negri, wo das Konzept als die demokratische Kraft der revolutionären Erfindungen definiert ist.[xvii] Die konstituierende Kraft von Protokollen liegt auch darin, dass sie neue Räume der Interaktion schaffen, die ihre ganz eigenen Möglichkeiten haben. In diesen Räumen, und das ist ihr wichtigstes Merkmal, bleibt jeder Akteur formal unabhängig, kann und muss selbst bestimmen, was unter den spezifischen Bedingungen, welche eine Interaktion erst ermöglichen, zu tun ist.[xviii]

Um dies metaphorisch auszudrücken: Protokolle schaffen Bühnen, auf denen sich mehrere Akteure treffen können, und definieren dabei nicht nur die Dimensionen der Bühne (das heißt, was möglich ist und was nicht), sondern auch deren Schräglage, so dass die darauf agierenden Akteure in ihrer Bewegung –scheinbar aus eigenem Willen – eher in die eine Richtung als in die andere tendieren.

Im Unterschied zum Konzept von Negri, der diese Macht des Konstituierens als einen bewussten Akt der revolutionären Willensbildung sah, entziehen sich die sozio-technischen Protokolle der wirkungsmächtigsten digitalen Infrastrukturen der demokratischen Verhandlung. Nichtsdestotrotz bilden sie zunehmend die Voraussetzungen, unter denen Willensbildung sich vollziehen und Handlungsfähigkeit erreicht werden muss. Diese Voraussetzungen sind nicht neutral, und sie können es auch nicht sein. Sondern sie sind geprägt durch das, was man als ihre spezifische Affordanz bezeichnen könnte, nämlich durch ein Set von fördernden und hinderlichen Eigenschaften, die gewisse Handlungen möglich (oder leichter) und andere unmöglich (oder schwerer) machen. Nun kann und muss jeder und jede selbst entscheiden, wie er oder sie sich unter diesen konkreten Umständen verhalten soll. Mit anderen Worten bilden diese Protokolle die Voraussetzungen der Interaktion, können durch diese aber kaum reflektiert werden und, besonders in geschlossenen technischen Systemen, auch nicht von außen geändert werden. Aber auch von Innen sind Änderungen oft nicht einfach, weil ja die NutzerInnen ihre eignen Handlungen auf die Möglichkeiten des Protokolls abgestimmt haben und entsprechend radikal von Änderungen betroffen wären.

Wenn Facebook etwa seinen Filtermechanismus verändert, dann liegt meist keine gezielte Zensur im klassischen Sinne vor, sondern es werden einfach die Bedingungen geändert, unter denen die Auswahl von Posts, die den NutzerInnen in ihrer persönlichen Timeline angezeigt werden. Diese haben sich nun mit ihrem Verhalten darauf einzustellen. Damit erwächst jenen, die die Protokolle festlegen bzw. verändern, eine enorme konstituierende Macht, in dem sie die Bedingungen festlegen, unter denen andere dann agieren müssen. Diese Macht spricht nicht im klassisch disziplinierenden Modus von »Du musst!«, sondern im konstituierenden Modus von »Du kannst!«. Dass dieses »Können« aber durch bereits festgelegte Konditionen geformt wird, muss einfach hingenommen werden. Denn die Alternative zur Akzeptanz dieser Bedingungen ist ein »Nichtkönnen« auf der tiefer liegenden Ebene. Viele kennen das aus ihrem persönlichen Verhältnis zu Facebook. Trotz wachsendem Misstrauen gegen die Plattform und die Welt, wie sie dadurch erschaffen wird, sind die wenigsten bereit, den radikalen Schritt des Austritts zu wagen und auf alle Handlungsmöglichkeiten ganz zu verzichten.

Alle drei Veränderungen der Handlungsfähigkeit, die hier mit den Begriffen Empowerment, Kontrolle und Protokolle skizziert wurden, existieren gleichzeitig und in widersprüchlichen Verhältnissen, die sich von Situation zu Situation unterscheiden. Aber es ist genau diese Mehrdimensionalität und Widersprüchlichkeit, die Handlungsfähigkeit in technologisierten Umgebungen heute auszeichnet. Auch Kultur – im engeren wie im weiteren Sinn – wird so mitkonstituiert. Akteure des Kulturfelds, die durch ihre Handlungen vielfältige Öffentlichkeiten zu generieren versuchen, sehen sich darin mit harten digitalen Gegebenheiten konfrontiert. Auf die Ebene der Protokolle haben sie kaum Einfluss, dazu wäre staatliche Regulierung notwendig. Auf die am „back-end“ angehäuften Daten und Optionen haben sie nur insoweit Zugriff, als die Betreiber der Infrastrukturen, etwa Facebook oder Google, ihnen diesen gewähren, was gemäß aktuellen Geschäftsmodellen vor allem über den Verkauf von Werbemöglichkeiten geschieht. Den größten und direktesten Einfluss haben die bestehenden Akteure auf die UserInnen, deren Meinung heute nicht mehr einfach privat ist, sondern für viele die glaubwürdigste Form von Öffentlichkeit darstellt, und über eine beachtliche Reichweite verfügen kann. Im besten Falle entstehen hier neue Allianzen zwischen Kulturschaffenden und ihrem Publikum – das damit aufgehört hat, reines Publikum zu sein.

Bibliographie

1 Vgl. etwa Beate Rössler: Der Wert des Privaten, Frankfurt a.M. 2002.

2 Karl Marx, Friedrich Engels: »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, Werke, Band 8, Berlin/DDR 1972, S. 115 (online).

3 Félix Guattari: »Über Maschinen«, in: Schmidgen, Henning (Hg.): Ästhetik und Maschinismus: Texte zu und von Félix Guattari, Internationaler Merve-Diskurs 189, Berlin 1995, S. 115–132.

4 Deleuze, Gilles und Félix Guattari: Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt am Main 2008 (1972).

5 Donna Haraway, Donna (1995): »Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften«, in dies.: Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/Main, New York 1995, S. 33–72.

6 Gerald Raunig: Einige Fragmente über Maschinen, eipcp transveral 2005,
http://eipcp.net/transversal/1106/raunig/de (aufgerufen: 22.12.2017).

7 Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt am Main 2008 (1991).

8 Michel Callon: »Some Elements of a Sociology of Translation: Domestication of the Scallops and the Fishermen of St Brieuc Bay«, The Sociological Review 32/1, 1984, S. 196–233.

9 Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, Frankfurt a.M. 2007.

10 Langdon Winner: »Do Artifacts Have Politics? «, Daedalus 109/1, 1980, S. 121–136.

11 Clay Shirky: Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations, New York 2008, S.104.

12 Felix Stalder: »Between Democracy and Spectacle: The Front-End and Back-End of the Social Web«, in: Michael Mandiberg (Hg.): The social media reader, New York 2012, S. 242–257.

13 David Lyon: »Introduction«, in ders. (Hg.): Theorizing Surveillance. The Panopticon and Beyond, Devon, UK 2006, S. 3–20.

14 Gilles Deleuze: »Postskriptum über die Kontrollgesellschaften«, in ders: Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt a.M. 1993, S. 254–262 (online).

15 Richard H. Thaler und R. Sunstein Cass: Nudge: wie man kluge Entscheidungen anstößt, Berlin 2014.

16 Alexander R. Galloway: Protocol. How control exists after decentralization, Cambridge, Mass. 2004.

17 Antonio Negri: Insurgencies: constituent power and the modern state, Minneapolis 1999.

18 David Singh Grewal: Network power : the social dynamics of globalization, New Heaven & London 2008.

[in: Ruedi Widmer und Ines Kleesattel (Hg). 2018. Scripted Culture Kulturöffentlichkeit und Digitalisierung. Zürich: Diaphanes, S.69-80)]